


Die Geschichte der Himmelgeister Kastanie
200 Jahre im Zeitraffer

Die Lage der Kastanie (Google-Earth 2010)
Postkutschen-Reisenden wäre sie kaum aufgefallen, nicht einmal, wenn sie die paar Schritte (im Sinne einer etwa halben Stunde Fußweg) von der Straße abgekommen wären.
Denn die Kastanie von Himmelgeist war 1810 womöglich bloß ein klitzekleiner grüner Trieb aus dem Boden im Rheinbogen. Heute ist der Düsseldorfer Baum so etwas wie eine Landmarke.
Ob die Kastanie nun 200 oder auch nur 150 jahre alt ist, da sind sich die Gelehrten nicht ganz einer Meinung, und um den Beweis zu führen, müsste man sie fällen. Und das will ja keiner. Schließlich ist der mächtige Zeitzeuge - im Gegensatz zu den Stundensteinen - nicht bloß wunderschön. Er ist auch sehr lebendig. Und hat sogar einen eigenen Briefkasten.
Weil die Himmelgeister Rosskastanie wie die meisten Bäume ausgesprochen schweigsam ist und man sie - auch das ein weit verbreitetes Baumschicksal - in ihren jungen Jahren kaum zur Kenntnis genommen hat, sind es vor allem eher neuzeitliche Geschichten, die man von ihr weiß oder sich zusammenreimen kann.
Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg jedenfalls war sie schon da, als rigsherum im sogenannten Rheinbogen scharf geschossen wurde, Vor allem im letzten großen Krieg sind ihr Artilleroe und Flugabwehrgeschosse wohl nur so um die Krone geflogen. Der Baum hat's überlebt.

Die herbstliche Kastanie im Abendlicht
Man könnte fast sagen, Hitlers wahnwitziger Russlandfeldzug hat ihn bewahrt. Die Stahlbarone hatten nämlich schon den Himmelgeister Rheinbogen zum Standort eines neuen Röhrenwerks und Industriehafens ausgeguckt, hatten dann aber 1940/41 anderes zu tun. Manche junge Witwe hat sich damaks vielleicht in seinem Schatten ausgeweint. Der Baum ist geblieben.
In den 1950er Jahren hat man mal wieder versucht, die Kastanie zu ignorieren. Diesmal sollte der Rheinbogen zu einer Schlafstadt Düsseldorfs werden, eine Siedlung für 20 000 Menschen war geplant, wurde ad acta gelegt, und die Kastanie blieb den Himmelgeister Buben als Kletterburg und Spielgefährte erhalten.
1982 wurde sie erneut von einem Krieg bedroht, es war der Kalte, in dem die Nato in Manövern Selbstverteidigung übte. Da sollte der Baum einer Panzerstraße weichen. Die Friedensbewegung hat es verhindert.

Die Kastanie im Frühling
Kaum war die Mauer weg, drohte der Kastanie erneut Gefahr, diesmal von Golfbällen. Die herrlichen Grünflächen rund um den Baum hatten irgendwen auf die Idee gebracht, 18 Löcher in den Boden zu stechen. Auch das scheiterte, nicht zuletzt an einer Unterschriftensammlung.
Seit 1998 ist die Kastanie offiziell ein Naturdenkmal. ihren 140, oder auch 190. Geburtstag hätte sie beinahe dennoch nicht überlebt. Wegen Pilzbefalls wollte das Gartenamt sie 2006 beseitigen. Das haben die Himmelgeister verhindert, die den Baum schon als Kinder liebten.
Heute ist die Kastanie einer der wenigen Bäume, die Post empfangen und vom eigenen Baumsekretär beantworten lassen. Sie hat einen eigenen Briefkasten und sogar eine Internetseite. Aber nur, wer sie gesehen hat, ihren Schutz vor Regen und Sonne gespürt hat, weiß, warum die "Himmelgeister Baumgeister" für ihre Kastanie alles tun würden.
